Heute beginnt in Aachen ein ganz besonderes Ereignis für alle, die Pferde und Reitsport lieben: Die Weltmeisterschaften im Pferdesport. Bis zum 23. August treffen sich dort die besten Reiterinnen und Reiter der Welt und kämpfen in sechs Disziplinen um die begehrten Weltmeistertitel – WM Aachen in Dressur, Springen, Vielseitigkeit, Para-Dressur, Fahren und Voltigieren.
WM Aachen – faszinierende Pferde
Wenn man die Bilder aus Aachen sieht, kann man eigentlich nur staunen. Da sind Pferde, die sich mit einer unglaublichen Leichtigkeit bewegen, Reiter, deren Hilfen teilweise kaum zu erkennen sind, spektakuläre Sprünge und Momente, in denen Pferd und Mensch scheinbar zu einer Einheit werden. Für viele von uns bedeutet die Weltmeisterschaft deshalb vor allem eines: zuschauen, mitfiebern, Daumen drücken und sich von diesem besonderen Pferdesport begeistern lassen.
Aber während wir den großen Namen und den beeindruckenden Leistungen zuschauen, lohnt es sich vielleicht, einmal eine andere Frage zu stellen: Was können wir eigentlich von diesen Reitern lernen – auch wenn wir selbst keine Turnierreiter sind und unser Pferd niemals in Aachen antreten wird?
Ich glaube, eine ganze Menge.
WM Aachen – was machen die besten Reiter der Welt
Denn wenn man den besten Reitern der Welt zusieht, fällt etwas auf, das auf den ersten Blick vielleicht gar nicht spektakulär wirkt: Sie machen häufig erstaunlich wenig. Eine kleine Gewichtsverlagerung, eine kaum sichtbare Veränderung der Zügelverbindung, ein kurzer Impuls mit dem Bein – und das Pferd reagiert. Was für uns von außen so mühelos aussieht, ist das Ergebnis von jahrelanger Ausbildung, unglaublichem Timing und vor allem einer sehr feinen Kommunikation zwischen Pferd und Mensch.
Und genau darin steckt etwas, das wir alle mit in unseren eigenen Reitalltag nehmen können. Gutes Reiten bedeutet nicht unbedingt, immer mehr zu tun. Oft bedeutet es sogar, weniger zu tun. Eine Hilfe geben, sie wirken lassen und danach wieder Ruhe einkehren lassen. Nicht bei jeder kleinen Unsicherheit sofort korrigieren. Nicht ständig neue Signale senden, sondern dem Pferd die Möglichkeit geben, auf das erste Signal zu reagieren.
Das klingt einfach. In der Praxis ist es das natürlich nicht immer.
Wie oft sitzen wir auf unserem Pferd und haben das Gefühl, noch etwas verbessern zu müssen? Das Pferd läuft nicht ganz so, wie wir es uns vorgestellt haben, also wird noch einmal getrieben, korrigiert, aufgenommen oder nachgefragt. Dabei wäre manchmal genau das Gegenteil richtig: kurz innehalten, durchatmen und dem Pferd einen Moment Zeit geben.
Vielleicht ist das eine der schönsten Lektionen, die uns die Weltspitze der WM Aachen zeigen kann: Feines Reiten entsteht nicht dadurch, dass man immer mehr macht, sondern dadurch, dass man immer besser spürt, wann etwas wirklich notwendig ist.
Dazu gehört auch das richtige Timing. Eine Hilfe ist nicht automatisch gut, nur weil sie korrekt ausgeführt wird. Sie muss im richtigen Moment kommen. Das gilt beim Angaloppieren genauso wie bei einem Übergang, einer Wendung oder beim Anreiten eines Sprungs. Die besten Reiter scheinen diesen richtigen Moment geradezu zu fühlen. Und auch wenn wir dieses Niveau niemals erreichen werden, können wir doch anfangen, genau darauf zu achten.
Wann gebe ich die Hilfe? Wie reagiert mein Pferd darauf? Wann nehme ich die Hilfe wieder zurück? Und vor allem: Lasse ich meinem Pferd überhaupt die Chance, mir zu antworten?
Denn Reiten ist schließlich keine Einbahnstraße.
Das wird gerade beim Thema Pferdewohl besonders deutlich. Auch rund um die Weltmeisterschaften in Aachen spielt die Frage eine wichtige Rolle, wie Pferde sich fühlen, welche Signale sie zeigen und wie wir diese Signale richtig erkennen. Kopfhaltung, Schweif, Ohren, Nüstern, Körperspannung – all das kann uns etwas darüber erzählen, wie es unserem Pferd gerade geht.
Und eigentlich müssen wir dafür gar nicht nach Aachen fahren.
Wir können morgen im eigenen Stall damit anfangen, unser Pferd wieder ein bisschen genauer anzuschauen. Wie kommt es uns entgegen? Wirkt es entspannt oder angespannt? Ist es aufmerksam? Müde? Fröhlich? Unruhig? Gibt es vielleicht kleine Veränderungen, die uns sonst gar nicht auffallen würden?
Je länger wir mit einem Pferd zusammen sind, desto besser lernen wir seine ganz eigene Sprache kennen. Und vielleicht ist genau das eine der wertvollsten Fähigkeiten, die wir als Reiter entwickeln können: nicht nur zu wissen, was wir von unserem Pferd möchten, sondern auch wahrzunehmen, was unser Pferd gerade von uns braucht.
Denn hinter den großen Auftritten in Aachen steckt noch etwas, das man leicht vergessen kann. Was wir dort sehen, ist immer nur der eine Moment, in dem alles zusammenkommt. Der perfekte Ritt, die fehlerfreie Runde, die spektakuläre Kür. Dahinter liegen jedoch Jahre voller Training, Rückschläge, Pausen, Veränderungen und kleiner Fortschritte.
Auch das ist etwas, das wir uns für unser eigenes Reiten merken dürfen. Wir müssen nicht jeden Tag besser werden.
Manchmal ist eine gute Trainingseinheit diejenige, bei der unser Pferd am Ende locker und zufrieden ist. Manchmal ist ein Spaziergang sinnvoller als eine weitere Trainingseinheit. Manchmal besteht Fortschritt darin, eine Übung, die gestern noch schwierig war, heute ein kleines bisschen leichter zu schaffen. Und manchmal besteht Fortschritt sogar darin, rechtzeitig zu erkennen, dass heute einfach nicht der richtige Tag für Leistung ist.
Das ist kein Rückschritt. Das ist gutes Training.
Gerade im Zeitalter von Social Media ist das vielleicht wichtiger denn je. Wir sehen ständig perfekte Bilder, spektakuläre Turnierergebnisse und Pferde, die scheinbar alles können. Da kann schnell der Eindruck entstehen, dass das eigene Pferd ebenfalls immer höher springen, schöner laufen oder anspruchsvollere Lektionen beherrschen müsste.
Aber unser Pferd muss nicht so sein wie das Pferd, das gerade in WM Aachen um eine Medaille kämpft.
Es muss nicht piaffieren. Es muss keinen Parcours auf höchstem Niveau springen. Es muss keine Schleifen sammeln und keine perfekten Fotos für Instagram liefern.
Vielleicht besteht unsere ganz persönliche Pferdegeschichte aus einem entspannten Ausritt am Sonntagmorgen. Vielleicht aus einem Pferd, das nach langer Zeit endlich wieder Vertrauen fasst. Vielleicht aus einer Trainingseinheit, bei der zum ersten Mal eine Übung funktioniert, an der wir wochenlang gearbeitet haben. Oder vielleicht einfach aus diesem kleinen Moment auf der Weide, wenn unser Pferd uns sieht und freiwillig zu uns kommt.
Auch das ist Erfolg 🍀.
Und vielleicht sollten wir uns genau daran erinnern, wenn wir in den nächsten Tagen die Weltmeisterschaften in Aachen verfolgen.
Wir müssen nicht versuchen, die Besten der Welt nachzuahmen. Wir können uns stattdessen von ihnen inspirieren lassen. Wir können genauer hinschauen. Nicht nur darauf, wer gewinnt, sondern darauf, wie ein Pferd und sein Mensch miteinander kommunizieren. Wie ruhig die Hilfen sind. Wie viel Vertrauen zwischen ihnen zu erkennen ist. Wie der Reiter reagiert, wenn etwas nicht nach Plan läuft.
Denn auch dann zeigt sich wahre Partnerschaft.
Ein Pferd kann einmal erschrecken. Es kann einen Sprung verweigern, im falschen Galopp landen oder an einem Tag einfach nicht so gut funktionieren wie am Vortag. Ein guter Reiter wird dann nicht nur daran denken, sein gewünschtes Ergebnis zu retten. Er wird sich fragen: Was braucht mein Pferd jetzt von mir?
Vielleicht ist genau das der Unterschied zwischen einem Pferd, das nur funktioniert, und einem Pferd, das seinem Menschen vertraut.
Die Weltmeisterschaften in Aachen sind deshalb viel mehr als ein sportliches Großereignis. Sie können uns daran erinnern, warum wir überhaupt reiten. Wegen dieser besonderen Verbindung zwischen zwei völlig unterschiedlichen Wesen. Wegen des Gefühls, wenn eine Bewegung plötzlich gelingt. Wegen eines Pferdes, das uns vertraut. Wegen der gemeinsamen Zeit im Stall, auf dem Reitplatz, im Gelände und manchmal auch einfach nur auf der Weide mit einem „Leckerchen Wiesenglück“ in der Hand
Und vielleicht schauen wir nach diesen zwei Wochen tatsächlich ein bisschen anders auf unser eigenes Pferd. Nicht mit dem Gedanken: „Wie kann ich es auf das Niveau eines Weltmeisterschaftspferdes bringen?“
Sondern mit der viel schöneren Frage: „Wie kann ich ein noch besserer Partner für mein Pferd werden?“
Denn wir müssen nicht die WM Aachen mit reiten, um besondere Momente mit unserem Pferd zu erleben.
Vielleicht beginnt unsere ganz persönliche Weltklasse schon morgen. Mit einer ruhigen Hand. Mit einem guten Timing. Mit einer kleinen, verständlichen Hilfe. Mit Geduld. Mit Zuhören. Und mit einem Pferd, das am Ende der Reiteinheit zufrieden neben uns steht.
Vielleicht ist genau das die schönste Medaille, die wir gewinnen können. 🐴❤️ Oder wie ist eure Meinung dazu?
Hier haben wir einen weiteren interessanten Blogartikel für euch, wir haben uns die Frage gestellt Faszination Pferd – warum begeistern uns Pferde?












