Ein Mädchentraum – Reiten im Damensattel (Seitsitz)

Diese Woche haben wir ein spezielles Thema aufgegriffen; der Damensattel! Die wenigsten von euch sind mit diesem (heutzutage) seltenem Reitsattel in Verbindung gekommen und können sich wahrscheinlich nicht viel darunter vorstellen.

Bekanntlich sind wir für alles offen und nehmen uns seltenen Themen rund um das Pferd gerne an.

Daher bin ich sehr froh Sabine Frömming kennengelernt zu haben und glücklich über diesen besonderen Gastbeitrag.


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Wer kennt nicht die Szene aus Aschenbrödel in der sie im Damensattel durch den verschneiten Wald reitet. Und das Kleid dazu – da kommt man schnell ins Träumen. Aber heute reitet man doch gar nicht mehr im Damensattel, oder? Doch! Warum – weil es Spaß macht, weil es die Ausbildung überprüft, weil man schöne Kleider anziehen kann, weil es etwas anderes ist, weil man eine Tradition erhalten möchte. Gründe dafür gibt es viele, jeder hat seine eigenen.

Bei mir war der Auslöser nicht das beschriebene Video sondern mein Friese Pico und die damalige Zugehörigkeit zur Friesenquadrille Westfalen e.V. Wir sollten auf der Eurochevall in Offenburg für ein Abendprogramm etwas anderes zeigen als nur eine Quadrille. Schnell war die Idee geboren zwei Damen in einen Damensattel zu setzen. Und da ich immer offen für alles bin, war ich gerne bereit es mit Pico zu versuchen. Im Rahmen eines Lehrganges habe ich mich dann das erste Mal getraut – und von da an war ich angefixt. Pico konnte im Damensattel direkt genau so geritten werden wie im Herrensattel. Alle drei Gangarten waren überhaupt kein Problem.

Wenn ich etwas mache, mache ich es gerne gründlich und genauso wichtig, wie ich eine gute Ausbildung meines Pferdes im Herrensattel nehme, habe ich die Ausbildung im Damensattel genommen. Also suchte ich „Verbündete“ und stieß schnell auf den RID e.V. (Reiten im Damensattel e.V.). Dieser Verein bietet Lehrgänge für Interessierte an, unterstützt bei der Sattelsuche und kann alle Fragen rund um den Damensattel beantworten. Seit einigen Jahren versuchen wir auch im Turniersport Fuß zu fassen.

Ein gut angepasster Damensattel ist sehr wichtig. Sowohl für das Pferd als auch für den ausbalancierten Sitz der Reiterin. Genau wie im Herrensattel sitzt die Dame parallel mit den Hüften zu den Hüften des Pferdes. Das rechte Bein liegt über einem feststehenden Horn. Die rechte Fußspitze zeigt nach unten, die Ferse wird in Richtung linkes Knie gezogen.

Im Gegensatz zum Herrensitz stabilisiert sich die Reiterin nicht nur über die Gesäßknochen, sondern auch über den rechten Oberschenkel. Das linke Bein hängt wie beim Herrensattel locker herunter. Neben dem feststehenden Horn gibt es für das linke Bein ein sogenanntes Jagdhorn oder bewegliches Horn. Der linke Oberschenkel sollte ca. eine Handbreit Luft zu dem Horn haben. Ja, ich weiß, gerade alles schwer vorstellbar, aber zu bessern Verdeutlichung kann man auf der Seite des RID e.V. einen Sattel anschauen.

Meist kommt die Frage auf, ob das denn auch sicher ist. Ja, ist es. Auch ein Buckler eines Pferdes kann locker im Damensattel ausgesessen werden. Es gibt einen sogenannten Notfallsitz: in dem Fall wird die linke Schulter in Richtung rechtes Ohr gedreht und der Oberkörper nach vorne geneigt. Gleichzeitig klemmt man die Hörner zwischen dem rechten und linken Oberschenkel ein. Der Notfallsitz wird auch beim Springen im Damensattel angewandt. Somit kann ein ganz normaler Springpacours auch im Damensattel überwunden werden.

Wo bekommt man denn aber einen Damensattel her? Es gibt einige billige Sattelmodelle, die man auf diversen Verkaufsportalen erwerben kann. Hier ist eigentlich nur von abzuraten. Auch ein guter Damensattel kostet leider Geld.

Es gibt viele alte Sättel, die restauriert werden und wieder gut einzusetzen sind. Das Problem, das ich als Friesenreiterin hatte: die alten Sättel sind alle eher auf Vollblüter passend, da sie meist aus England kommen.

Es gibt in Deutschland zwei mir bekannte Sattlerinnen, die Damensättel herstellen und restaurieren. Aber trotzdem begann eine gewisse Sattelodysse. Mit Hilfe einer Damensattelkollegin, die über extrem viel Erfahrung verfügt konnte ich endlich einen Damensattel finden. Dieser Sattel begleitete mich einige Jahre. Gekauft habe ich ihn von einer Dame, die das Reiten komplett aufgehört hatte. Der Sattel lag gut auf Pico aber nicht optimal. Also habe ich mich an Viola Ebbecke von der Sattlerei Klose gewandt. Sie sitzt in der Mitte von Deutschland und war für mich näher als Saskia von Ehrenkroog, die mit ihrer Sattlerei in Norddeutschland sitzt. Viola kam mit mehreren Sätteln zu mir. Und wir fanden einen, der gut auf Pico passt und in dem ich mich wohlfühle.

Der Sattel muss ausser dem Pferd auch der Reiterin passen. Die Sitzfläche muss der Oberschenkellänge entsprechen und die Breite natürlich dem Gesäss angepasst sein. Auch die Position der Hörner ist entscheidend für einen guten und sicheren Sitz der Dame. Dieser Sattel begleitet mich bis jetzt und ich hoffe ich kann ihn auch auf meinem Jungspund zum Einsatz bringen. Neben den genannten Sattlerinnen gibt es in Deutschland seit ca. 2 Jahren die Sattlerei KuK. Dahinter stecken Viola Klose und Bettina Keil. In mehrjähriger Arbeit haben sie gemeinsam mit der Sattlerei Rieser einen Sattelbaum entwickelt und so einen Sattel gebaut, der auf viele Pferde passt.

Aber neben dem gut sitzenden Damensattel ist das Pferd ja genauso wichtig. Was sollte es können und was sollte es eher nicht machen? Als Pico und ich angefangen haben waren wir in etwas auf A-Niveau unterwegs. Wichtig ist ein gut gerittenes Pferd, bei dem ich nicht jeden Schritt raustreiben muss.

Oft haben wir es aber schon erlebt, dass Pferde unter dem Damensattel besser laufen als unter dem Herrensattel. Nach dem ersten Ausitzen wird in der Regel auf der rechten Hand angefangen. Wichtig: immer die rechte Schulter gut hinten halten. Das rechte Bein wird durch eine Gerte oder einen Stock ersetzt. Sollte ein Pferd arg heftig auf Gerten reagieren würde ich es mit einem Stock reiten. Diese sind ca. 1 cm dick und das Pferd akzeptiert das anlegen besser. Der Stock bzw. die Gerte sollte genauso eingesetzt werden wie das rechte Bein. Er zeigt also nicht nach hinten, sondern wird weich in der Gurtlage angelegt. Gut für die Anfänge im Damensattel ist es, wenn das Pferd stimmliche Kommandos für Schritt, Trab und Galopp von der Longe kennt.

So kann es die neuen Hilfen mit bekannten Kommandos verknüpfen. Wie im Herrensattel reite ich auch im Damensattel viel mit Sitzhilfen und Körpergewicht. So kann ich alle Seitengänge und Lektionen reiten wie ich es gewohnt bin.
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Und was ziehe ich an, wenn ich im Damensattel reite? Natürlich immer einen Helm, den ich auch immer im Herrensattel trage. Eine Reithose. Am linken Bein einen Stiefel und am rechten Bein ganz unterschiedlich. Manche tragen nur Socke, manche Stiefelletten, andere Stiefel. Das ist eine persönliche Geschmacksfrage. Wichtig ist nur, dass an der Außenseite des Stiefels oder der Stiefellette kein Emblem oder sonstiges angebracht ist, da ich sonst damit den Damensattel verkratze. Hohe Dressurstiefel sind für das rechte Bein nicht zu empfehlen, da sie zum einen sehr stark in der Kniekehle drücken und durch ihre Steifheit ein schlechtes Gefühl vermitteln. Wenn ich zu Hause trainiere achte ich noch darauf, dass ich oben ein ordentliches T-Shirt, sauberen Pullover mit Weste oder so anhabe.

Generell kein Schlabberlook. Das Reiten im Damensattel hat für mich auch viel mit Tradition und dem Erhalt von Werten zu tun. Diese möchte ich auch im Training (allerdings auch im Herrensattel) aufrecht erhalten.

Bei Auftritten trage ich ein historisches Kostüm oder ein Habit. Das Habit besteht aus einer Reitschürze. Diese hat einen speziellen Schnitt, so dass es im Sattel aussieht als hätte ich einen Rock an. Hinten ist er nur auf Gesäßhöhe geschnitten, so dass ich mit der Reithose auf dem Sattel sitze. Die Reitschürze ist auch ein Sicherheitsaspekt, da sie bei Stürzen nicht am Sattel hängen bleibt. Oben rum habe ich dann eine Turnierbluse, ein Plastron (bei Helm oder Melone eine Krawatte), eine Weste und ein Jackett an. Schürze, Weste und Jackett sind aus schwerer englischer Wolle. Auf dem Kopf habe ich entweder einen Helm, einen Zylinder oder eine Melone. Hier gibt es genaue Kleidungsvorschriften. Diese kommen meist aus England, wo das Reiten im Damensattel noch eine große Tradition hat. Dort findet einmal im Jahr ein großes Turnier in Addington (meist im August) statt.

Oftmals werden in Deutschland mit dem Damensattel vor allem barocke Pferderassen wie der Friese, Lippizanzer etc. verbunden. In England wurden wie oben bereits erwähnt viele Vollblüter im Damensattel geritten. Heute sind es Warmblüter und Hunter. Auch die beliebten Fuchsjagden werden in England oft noch im Damensattel geritten. Historisch gesehen kann das Reiten im Seitsitz bis in vorchristliche Zeiten verfolgt werden.

Auf Tongefäßen, Vasen oder Reliefs wurden Zeichnungen hierzu gefunden. Zu dieser Zeit wurde entweder auf dem blanken Pferdrücken oder mit einem Kissen seitwärts auf dem Pferderücken Platz genommen. Etwa im 12. Jahrhundert dürften sich die ersten Seitsättel entwickelt haben.

Ein Bild von Albrecht Dürer (Das Fräulein zu Pferd und der Landknecht) aus der Zeit um 1500 zeigt erstmals höchst detailiert die Dame im Seitsitz. Katharina di Medici (1519 – 1589) wird die Entwicklung des Quersattels zum Gabelsattel zugeschrieben. Da sie gerne an Jagden mitritt und die im Quersattel eher nicht machbar war, legte sie ihr Bein zwischen Sattelknauf und Rückenlehne.

Aus Sattelknauf und Rückenlehne entwickelte sich eine nach rechts und links gebogene Gabel, in die die Dame ihren rechten Oberschenkel legen konnte und dadurch im Seitsitz guten Halt fand. Die französische Revolution war der Grundstein für die Blüte des Reitens im Damensattel.

Wer der Erfinder des Jagdhorns bzw. Einschaubhorns war ist nicht wirklich bekannt. Aber im 19. Jahrhundert ritt nicht nur der Adel, sondern auch die gehobene und wohlhabende Bürgerschicht. Kaiserin Sisi gehört zu den bekanntesten Damen, die das Reiten im Damensattel voller Begeisterung betrieb. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Reitsport auch für die breite Masse möglich.

Der Turniersport hielt Einzug in Deutschland. Zu dieser Zeit war es noch üblich Pferde in Dressur- und Springprüfungen im Damensattel vorzustellen. Der zweite Weltkrieg setzte dem Reiten im Damensattel in Deutschland ein Ende.

Nur noch Liebhaberinnen bestiegen ihre Pferde im Seitsitz. In den letzten Jahren verbreitet sich das Reiten im Damensattel wieder mehr. Der RID e.V. versucht mit den Damensätteln auch wieder im Turniersport Fuß zu fassen.

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Habe ich Interesse geweckt? Dann könnt ihr euch gerne mit Fragen an mich wenden. Auf meiner Facebookseite werdet ihr in der nächsten Zeit auch immer mal wieder etwas über die Ausbildung meines Jungspundes im Damensattel lesen können.

Am 10. April werden wir zum zweiten Mal den Damensattel auflegen und da ich jemand kompetenten vor Ort haben werde auch ein wenig mehr machen als im Schritt durch die Halle reiten. Sir Lawrence soll nun Pico, der mit 19 langsam in seinen verdienten Ruhestand gehen soll, ablösen. Er ist ein 6jähriger Rheinländer. Insgesamt ein sehr ruhiges Pferd. Da er noch viel lernen muss starte ich mit ihm gerade recht viel Turniere, damit er ein verlässliches Pferd für meine Leidenschaft des Reitens im Damensattel wird.

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Hier mal eine seitliche Ansicht des Damensattels:
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Sie ist das Herz von Horseland, mit viel Liebe und vor allem jahrelangen Erfahrung führt sie erfolgreich ihr Reitsportgeschäft. Sie selbst reitet seit 23 Jahren, besitzt zwei Pferde, um die sie sich, neben zwei Katzen und ihrer geliebten Jill, einer Straßenhündin – die sie aus dem Tierheim gerettet hat – fürsorglich kümmert. Ihre Devise lautet: „Erst das Pferd, dann der Reiter“
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