Die Serie: Reiten in Harmonie 3 – (Panorama)Blick

Der Blick und die Atmung zählen mit zu den wichtigsten Grundlagen für gutes Reiten. Allein der (Panorama)Blick kann ein ausschlaggebender Faktor für Erfolg oder Misserfolg sein. Richtig angewendet lassen sich damit große Dinge erreichen, während er falsch angewendet zu einem echten Handicap werden kann. der Gebrauch von sanft, umfassend blickenden Augen schult die Eigenwahrnehmung und das Bewusstsein.

Im zweiten Teil der Serie „Reiten in Harmonie„, ging es um die mentale Vorbereitung und Geistesverfassung des Reiters. In Teil 3 lernen wir nun, wie wir den (Panorama)Blick richtig anwenden und welche Auswirkungen auf unser Reiten hat.

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Diese Serie ist für alle Reiter, die über den Tellerrand hinaus schauen und Harmonie mit dem Pferd erreichen möchten. Für alle die es wollen, wird es eine Ergänzung zur klassischen Reitlehre sein. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem mentalen und körperlichen Gleichgewicht/ Übereinstimmung von Reiter und Pferd sowie geistigen und physischen Vorstellungen.

Der (Panorama)Blick

Mit den Augen analysiert der Reiter die Situation und gibt seinem Körper und seinem Pferd Befehle.
Wenn es um den Blick des Reiters geht, unterscheiden wir zwischen „sanften, umfassend blickenden Augen“ – Panoramablick und harten, starrende Augen – Fokus-, oder Tunnelblick. 

Wenn wir mit harten, starrenden Augen reiten, ist es so als ob wir durch ein Rohr sehen würden. Das Auge fixiert einen Punkt und blendet den Rest aus. Wenn wir so reiten, bekommen wir nicht mit was um uns herum passiert, wir spüren nicht was in unserem Körper und in dem unseres Pferdes abläuft, wir verändern unseren Sitz und dementsprechend das Gangbild unseres Pferdes, Verkrampfen und verlieren ein Teil unserer Balance.

Reiten wir stattdessen mit sanften, umfassend blickenden Augen, nehmen wir mindestens die halbe Reitbahn war und alles was sich darin bewegt, wir spüren was der Pferderücken mit unserem Sitz macht, sitzen lockerer, aufrechter und stabiler, können Einfluss auf das Gehen unseres Pferdes nehmen und haben ein verbessertes Gleichgewicht.

Ich hatte ein lustiges Erlebnis mit einer Schülerin wie die harten, starrenden Augen wirken: Mitten in der Reitbahn stand ein Stuhl. Meine Schülerin sollte ihre sanften Augen einsetzen um in einer harmonischen Linie auf dem Zirkel um den Stuhl herum zu reiten. Stattdessen fixierte sie den Stuhl, um, nach ihrer Aussage, nicht gegen den Stuhl zu reiten. Das Ergebniss war, dass ihr Pferd schnurgerade und schön geschlossen vor dem Stuhl zum Halten kam, anstatt weiter auf der Zirkellinie außen um den Stuhl herum zu traben. Das war für uns zum einen natürlich lustig, aber zum anderen auch lehrreich.

Das Fazit ist also: Wenn der Reiter seinen Blick auf einen präzisen Punkt fixiert, wird er sein Gleichgewicht so verändern, dass er das Pferd zu diesem Punkt hinführen wird. Das heißt für uns, wir sollten nur dahin schauen wo wir auch tatsächlich hinreiten möchten. Haben wir etwas, was wir auf keinen Fall „treffen“ möchten wie z.B. den Stuhl, würdigen wir den Stuhl keines Blickes mehr. Wenn wir mit weichen Augen reiten, wird er natürlich immer noch in unserem Blickfeld sein, allerdings fokusieren wir ihn nicht mehr.

Um uns der Bedeutung des Blickes noch bewusster zu werden, tauchen wir mal kurz in andere Sportarten ein … Bei allen Sportarten, bei der sich der Körper in Bewegung befindet, hat der Blick eine grundlegende Bedeutung. Der Skifahrer, der den Blick auf die Eisplatte richtet, wird gerade darauf zufahren und stürzen … Der Surfer, der den Kopf senkt und ins Wasser schaut, verliert das Gleichgewicht … usw.

Wenn wir Reiter nach unten schauen, verändern wir unsere Haltung, unsere Balance, unser Gefühl … und übertragen das auf unser Pferd. Schauen wir z.B. in Übergängen nach unten, fallen wir körperlich zusammen und verkrampfen. Die Grundspannung bei uns selbst und unserem Pferd geht verloren, es  fällt auf die Vorhand und verkrampft ebenfalls.
Schauen wir  in einer Volte nach innen auf den Boden,  können wir unser Pferd nicht mehr optimal unterstützen. Wir und unser Pferd geraten aus der Balance, das Pferd fällt wahrscheinlich entweder auf die innere Schulter oder driftet über die äußere Schulter weg … die Volte hat nicht mehr die gleiche Qualität wie mit dem Panoramablick. Schauen wir in einer Trabverstärkung nach unten, wird unser Pferd an Schwung verlieren, auf die Vorhand fallen und ins Laufen kommen. So könnte man das sicher noch mit weiteren Übungen fortsetzen.

Einfluss des Blicks beim Sprung

Hier mal ein Beispiel, was passiert, wenn der Reiter beim Überwinden eines Sprunges nach unten schaut:

Nach der guten dressurmäßigen Vorbereitung  sieht in der weiten Anrittphase alles bestens aus: Gute Haltung des Reiters, ruhiges Pferd mit gleichmäßiger Kadenz, korrekter Weg … Doch wenn sich der Reiter dem Hindernis nähert, meist 4 oder 5 Galoppsprünge vor dem Hindernis, wird er seine Verhaltensweise ändern: Sein Blick fokussiert sich nun auf die Bodenstange (Grundlinie) vor dem Hindernis. Er wird unruhig, seine Atmung wird blockiert und sein Körper versteift sich. Um ihn herum existiert nichts mehr. Wenn der Reiter nach unten sieht, senkt er allmählich den Kopf, was zur Folge hat, dass sein Oberkörper nach vorne kippt. Dadurch bringt er sein Pferd aus dem Gleichgewicht. Das Pferd hat bereits die Haltungsänderung wahrgenommen. Es wird seinerseits unruhig: „Was ist los? … Gibt es etwas auf dem Boden zu sehen? … Was ist mit dem Hindernis?“ 

Die Bedingungen, die einige Augenblicke vorher noch günstig waren, werden sehr schlecht: Gleichgewicht, Geschmeidigkeit und Kontrolle sind verloren gegangen. Im Geiste des Reiters und bei der Kommunikation mit seinem Pferd ist eine Art Nebel entstanden. Ein schwarzes Loch. Unter diesen Umständen erfolgen das Überwinden des Hindernisses und die Landung gezwungenermaßen unter schlechten Bedingungen. Wenn sich der Reiter plötzlich der Situation bewusst wird, ist es bereits zu spät … die Probleme sind bereits eingetreten: Der Reiter hat seine mittige Haltung verlassen, das Pferd hat die freie Wahl und der Bewegungsablauf wird unmöglich.

Für kleine Sprünge ist dieses Beispiel vielleicht etwas übertrieben wenn man ein sicheres Pferd hat. Doch wenn man dieselbe Situation auf ein größeres Hindernis überträgt, kann sie verheerende Folgen haben. Der Reiter, der vor dem Hindernis auf den Boden sieht, veranlasst sein Pferd dazu, auf die hintere Stange des Oxers zu fallen, die Hufe auf den Begrenzungsstreifen des Wassergrabens zu setzen oder zu dicht an die Grundlinie des Steilsprungs heran zu kommen …

Nun das positives Beispiel für den Einsatz des Panoramablicks beim Springen:

Der Reiter bereitet in der Wendung das Anreiten mit dem Panoramablick vor. Beim direkten Anreiten des Sprungs bereitet er mit dem Blick schon die Landung vor. Damit kann er während der Anreite- und Sprungphase instinktiv handeln. Es ist von grundlegender Bedeutung, die Landung vorzubereiten: „Das Leben geht während und nach dem Sprung weiter“. Während des Sprungs und bei der Landung bereitet der Reiter dann die Wendung und das nächste Hindernis bzw. Sprungreihe mit dem Panoramablick vor. Dadurch kann er im Gleichgewicht bleiben und und dem weiteren Parcours vorgreifen.

Wie können wir den Panoramablick erlernen bzw. verbessern?

Wir üben zunächst in der Dressurarbeit, auch die Springreiter. Wir reiten z.B. eine Volte und schauen dabei in die Luft oder im rechten Winkel nach außen aus der Volte heraus. Um den Unterschied zu spüren, reiten wir eine weitere Volte in der wir nach innen auf den Boden schauen oder auf den Pferdehals. Anschließend reiten wir noch eine Volte und schauen dabei wieder mit weichen Augen nach oben.was hat sich alles verändert?

Wir machen den selben Versuch mit Übergängen und üben dabei in die Ferne, nach rechts und nach links zu schauen. Spürt dabei, wie euer Körper geschmeidig und gelöst wird und euer Pferd in seinen Bewegungen freier erscheint. Ihr könnt auch einfach mal die Augen schließen um einen Übergang oder eine Hufschlagfigur zu reiten. Das eigene Körpergefühl wird unheimlich intensiv dabei, weil wir so vollständig auf unsere Empfindungen eingehen müssen.

Das Auge ist sehr dominant. Deshalb kann die einfache Tatsache, den Blick zu lösen, für die Haltung, das Begreifen einer Bewegung, die Harmonie mit dem Pferd … von großem Vorteil sein. Der steifste Reiter kann so innerhalb kürzester Zeit deutlich flexibler werden. Die Steifheit bzw. Härte ist in erster Linie geistig bedingt und nicht körperlich, wie wir oft annehmen. Ein verkrampfter Reiter verbraucht immens viel Energie, genau wie das Pferd, was gegen die Steifheit ankämpfen muss. Geringe Anstrengung kostet es hingegen, wenn man gelernt hat, den Blick zu halten. Damit erreicht man echte Harmonie mit seinem Pferd. Außerdem ist es eine Methode, die die Pferde verstehen, während sie mit der Methode, die darin besteht, zu Boden zu sehen, überhaupt nichts anfangen können

Übungen am Hindernis

  • Überquert Bodenstangen oder springt kleine Hindernisse, indem ihr kurz vor und über dem Sprung nach rechts oder nach links schaut. Das ist eine sehr gute Übung, um sich vom Einfluss des Blickes zu befreien und die Empfindungen zurückzuerlangen. Der Körper wird so in Wartestellung platziert und geht dabei mit den Bewegungen des Pferdes mit. Ihr könnt auch mal für 3 oder 4 Galoppsprünge die Augen schließen, um euch nur auf die Bewegungen des Pferdes zu konzentrieren.
  • Stellt als ersten Sprung einer Sprungreihe (Distanz) ein kleines Hindernis, das ihr sehr leicht findet. Stellt dann 7 oder 8 Galoppsprünge weiter ein zweites Hindernis auf, welches ihr für sehr schwierig haltet. Reitet die Distanz in einem gleichmäßigen Galopp an. Überwacht die Haltung, vor, während und nach dem Überwinden des leichten Hindernisses. Lasst euch vielleicht auch filmen. Tut so als ob ihr das zweite Hindernis springen würdet. Natürlich springt ihr es nicht. Es ist nur dazu da, um euren Geist zu beschäftigen, sowie den eures Pferdes. Es ist überzeugt, dass ihr das zweite Hindernis springen werdet und macht sich keine Sorgen aufgrund des ersten.

    Lasst euch auf das Spiel ein! Haltet den Blick bis zur Landung des ersten Hindernisses. Nach einigen Durchgängen, wenn der Sprung perfekt ist: Eine freie effiziente Haltung, die mit einem aufmerksamen, gehorsamen Pferd harmonisiert; könnt ihr die Stangen des ersten Hindernisses höher legen. Behaltet dabei dieselbe Haltung, denselben Blick, dieselbe Atmung bei …

    Im Grunde geht es darum, etwas hinter dem Hindernis in der Ferne zu wählen was man sich anschauen kann. Das kann ein hoher Zaun sein, ein Baum, eine Uhr an der Hallenwand …irgendetwas. Der Panoramablick ist ein weiter und ferner Blick, doch er schließt nicht aus, etwas bestimmtes anzusehen, das sich hoch und weit genug befindet.

  • Übt, zu wissen,wo ihr hinseht. Wenn ihr nach unten sehr, fragt euch warum, versucht, die Gedanken zu kontrollieren und reitet erneut auf den Sprung zu, indem ihr versucht, den Blick zu halten. Vom leichten zum Schweren … Nachdem es mit Bodenstangen gelungen ist, übt mit kleinen Kreuzsprüngen, dann mit Steilsprüngen und Oxern. Nach den Einzelsprüngen übt ihr kleine Parcourse zu Hause und später auf dem Turnier. Die Aufgabe ist es, präsent zu sein: hier und jetzt, um der Zukunft besser vorzugreifen … und dies erfolgt hauptsächlich durch den Blick.

Die wesentlichen Punkte der sanften Augen (Panoramablick) sind:

  • Die Augen sind beim Reiten weit offen, in die „Ferne“ gerichtet und nehmen auch die peripheren Dinge war.
  • Sich die Aufmerksamkeit für das ganze Blickfeld bewahren.
  • Die inneren Empfindungen erfühlen.

Die Ergebnisse der sanften Augen (Panoramablick)sind:

  • Ein größeres Blickfeld.
  • Mehr Bewusstsein in Bezug auf den eigenen Körper und den des Pferdes.
  • Weniger Verspannungen.
  • Leichtere und freiere Vorwärtsbewegung.
  • Ermöglicht, ein Größtmaß an Informationen über den Weg, die Wendung, das Anreiten, das Hindernis, die Landung, das nächste Hindernis, usw. aufzunehmen.

Ganz am Anfang im ersten Teil dieser Serie http://pferdewiese.com/die-serie-reiten-in-harmonie-1/ habe ich bereits kurz die Atmung angesprochen und dass sie zusammen mit dem Blick zu den wichtigsten Grundlagen der Reiterei gehören. Somit wird sich der vierte Teil der Serie Reiten in Harmonie mit dem Atmen beschäftigen. Bleibt dran 😉

 

 

Silvana Wessig das Horseland-Team und war bis 2013 als Bereiterin in Australien tätig. Sie bietet (neben ihrer Beschäftigung bei Horseland) mobilen Reitunterricht und Beritt an. Sie berät Sie sehr gerne bei Problemen und Fragen rund um das komplexe Thema PFERD.
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