Die Serie: Reiten in Harmonie 2 – Mentale Vorbereitung

Der Reitunterricht hat sich weiterentwickelt … von der militärischen „Holzhammermethode“ sind wir anschließend zum Stadium „100 % Technik“ gelangt: Das Physische, der Sitz. Heute bemühen wir uns vor allem darum, die Harmonie zwischen Körper und Geist zu pflegen; aufkommende Angst oder Furcht durch Gedankenkontrolle zu besiegen. Wir bemühen uns um eine Reitweise, bei der jeder sein tiefstes Ich ausdrücken kann, ohne sich selbst zu betrügen. Unsere Qualitäten pflegen, ohne uns aufgrund unser Schwächen schuldig zu fühlen.

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Letzte Woche haben wir hier im Teil 1 der Serie „Reiten in Harmonie“ erzählt, wie wir mit der richtigen Einstellung wirklich Fortschritte erzielen können. Diese Woche geht es im weiterführenden Teil 2 um die mentale Vorbereitung und Geistesverfassung des Reiters.

Diese Serie ist für alle Reiter, die über den Tellerrand hinaus schauen und Harmonie mit dem Pferd erreichen möchten. Für alle die es wollen, wird es eine Ergänzung zur klassischen Reitlehre sein. Der Schwerpunkt liegt hier auf dem mentalen und körperlichen Gleichgewicht/Übereinstimmung von Reiter und Pferd sowie geistigen und physischen Vorstellungen.

Ausreden eliminieren

Angst, Beunruhigung, Furcht … es ist wichtig, dass sich jeder selbst kennt und eine wahrhaftige Analyse seines geistigen Zustands vornimmt. Natürlich ist es leichter, bei Problemen die Lösung außerhalb unser selbst anstatt in unserem Innersten zu suchen. Doch es ist wichtiger, zu wissen, in welcher körperlichen und geistigen Verfassung wir uns befinden. D.h lernen, sich zu konzentrieren, seine Angst und seine Ausflüchte loszuwerden, seine Handlungen zu programmieren … Die mentale Vorbereitung erfordert die echte Kenntnis seiner selbst und die vollkommene Beherrschung seiner Geistesverfassung. Die Grundregel, um dies zu erreichen, besteht in der Ehrlichkeit gegenüber uns selbst.

Um Fortschritte machen zu können, müssen wir unsere Ausreden eliminieren. Diese treten meist dann auf, wenn wir eine schwierige Übung machen sollen. Sie sind eine Art Ablenkungsmanöver, um zu vermeiden, sich mit sich selbst zu konfrontieren. Gleichzeitig behindern sie aber auch unseren Fortschritt. In der Regel dient das Pferd als erster Sündenbock … „zu jung, zu nervös, nicht gut genug dieses oder jenes …“ Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass das Pferd der Spiegel unserer jeweiligen Geistesverfassung ist.

Ausreden sind ein Bestandteil dieses gesamten negativen Prozesses, durch den der Fortschritt verhindert wird. In Anbetracht von Angst oder Unruhe neigt der Reiter dazu, seine mentale Kontrolle zu verlieren: „Ich bin nicht gut genug …, mein Pferd kann nicht …“ Für die Vermeidung von Ausreden bei Angst oder Furcht ist es erforderlich, dass der Reiter Vertrauen bekommt.

Angst, Gedankenkontrolle und Konzentration

Angst ist ein negativer Prozess, der oft durch Gedankenassoziationen belebt wird: „Ich reite in den Parcours ein … mein Pferd wird verweigern … Ich werde stürzen und mich verletzen …“ Die Atmung blockiert, die Muskeln verkrampfen, die Hilfen werden unkontrolliert, die Kommunikation mit dem Pferd ist unterbrochen.  Angst ist eine Geistesverfassung, die man pflegen, verstärken oder unterbinden kann.

Es gibt keine Angst. Sie ist nur eine  durch den Geist geschaffene Illusion. In Anbetracht eines Ereignisses ist seine Auslegung dafür entscheident, ob etwas leicht oder schwer, traurig oder fröhlich ist. Auch das Pferd ist dazu in der Lage, sich Gespenster auszudenken. Mit einem ruhigen und gelassenen Reiter wird das Gespenst verschwinden. Mit einem unruhigen oder aufgeregten Reiter wird das Gespenst zu einem furchterregenden Monster.

Darum ist es wichtig, sich so oft wie möglich darin zu üben, dahinter zu kommen, was mit unseren Gedanken geschieht und sie weitmöglichst zu kontrollieren. Natürlich ist es leichter, wenn man im Sessel sitzt, als wenn man sich vor einem 2,20 m breiten Oxer befindet. Die Dinge haben jedoch nur die Bedeutung, die wir ihnen geben! Es muss jederzeit möglich sein, unsere Gedanken zu kontrollieren, zu stoppen, zu lenken. Das ist Konzentration.

Somit muss der Reiter seine eigene Denkweise programmieren: z.B. „Ich werde eine Volte reiten und mich nur auf einen bestimmten Punkt konzentrieren. Ich möchte an der tiefen Hand arbeiten … “ Wenn die Gedanken von der augenblicklichen oder kommenden Handlung abschweifen, wird das Ziel verschwommen und die Handlung ungenau. Die Konzentration muss tagtäglich geübt werden, als eine Art mentale Gymnastik. Es kommt zum Konzentrationsverlust, wenn der gegenwärtige Moment durch einen alles beherrschenden Gedanken gestört wird: Angst, Wut, unbezahlte Rechnungen … Sich konzentrieren heißt, in der Gegenwart zu bleiben … im „Hier und Jetzt“.

Jedes Mal, wenn der Geist abzuschweifen beginnt, bringe ihn sanft wieder zur gegenwärtigen Realität zurück. Die Konzentration ist ein Bestandteil des Lern- und Perfektionsprozesses. Auch hierfür braucht man Übung. Auf dem Pferd können wir z.B. eine Folge aus zwei Sprüngen überwinden und ausschließlich an den Blick denken. Ist das geschafft, dann mit drei, dann mit 4 Sprüngen üben usw. In der Dressurarbeit reiten wir erst einzelne Lektionen, später mehrere hintereinander und denken dabei ausschließlich an den Blick.

Achtet dabei auf Informationen von eurem Körper, eurem Pferd und vom Gelände, um sie sehr schnell zu analysieren und zu entscheiden, ob sie etwas Neues bringen. Alles, was mit dem augenblicklichen Thema nichts zu tun hat, muss unbedingt außen vor bleiben. Diese Übungen sorgen langfristig für die Beherrschung des Gedankenstroms und für die Unterscheidung zwischen nützlichen Informationen und denjenigen, die für die augenblickliche Handlung nichts bringen.

Diese Arbeit der mentalen Kontrolle erfordert viel Aufmerksamkeit, die Analyse seiner Handlungen und Reaktionen und große Anstrengung, um sich so zu akzeptieren wie man ist. Um sich im Laufe der Zeit und der gewonnenen Erfahrungen zu korrigieren, ist es wichtig zu wissen, was der Ausgangspunkt ist. Wie beim Bergsteigen muss man von Zeit zu Zeit stehen bleiben, um zu sehen, wie weit man gekommen ist und um sich zu seinem Fortschritt zu beglückwünschen.

Programmieren von erfolgreichen Handlungen

Sei es auf dem Turnier oder beim Training, wir müssen unsere Handlungen stets programmieren: Alles muss zunächst wie ein Film in unserem Kopf ablaufen. Sobald der Reiter sein Pferd in Bewegung versetzt, muss er dazu in der Lage sein, im Voraus zu wissen, welchen Weg er nehmen wird und mit welcher Geschwindigkeit und in welcher Haltung. Weg, Tempo, Bewegungsablauf, wenn du dich nicht entscheidest, wird das Pferd für dich entscheiden.
Die Programmierung ist sehr wichtig, jedoch muss man auch eine positive Vision, ein klares Bild von der gelungenen Übung haben. Lass die Bewegungen nach der Programmierung von allein ablaufen, als ob du ein Zuschauer wärst.

Auf dem Turnier macht es Sinn sich nur die guten Reiter anzusehen, damit sich nur Bilder im Geist einprägen, die mit dem übereinstimmen, was du erreichen möchtest. Zöger nicht, die großen Reiter nachzuahmen. Beobachte sie im Fernsehen, auf Turnieren oder auch im eigenen Stall, falls sich dazu eine Gelegenheit bietet. Richte dir als Bezug eine mentale Bilderdatenbank ein: z. B. der Sitz von diesem Reiter, die Ruhe und Gelassenheit von jenem Reiter …

Durch die Programmierung lassen sich auch durch Angst verursachte Reaktionen ausschalten.
Wenn der Reiter vor einem Hindernis einen Moment der Angst verspürt, weil im Geiste das Bild des verweigernden Pferdes entsteht, wird er als Reaktion die Beine zuklemmen, den Blick senken, die Hände verkrampfen … und das Pferd wird verweigern. Es geschieht das, was sich der Reiter vorgestellt hat. Es ist somit von grundlegender Bedeutung, seine Angst zu beherrschen, um seine Bewegungen zu beherrschen. Die Kontrolle kann man nur erlangen, indem man Selbstvertrauen fasst.

Wenn wir uns angewöhnen, unsere Erfahrungen zu analysieren und dabei uns selbst gegenüber aufrichtig sind, ist es leicht festzustellen, dass wir letztendlich stets das erhalten, was wir gewollt haben.
Das Schlimmste was wir machen können wenn etwas nicht geklappt hat, ist uns persönlich abzuwerten und zu beschimpfen. Besser agieren wir nach der Buddhistischen Devise: „Sich allem bewusst sein, aber durch nichts berührt werden“.

Wenn wir uns vorstellen, ein Meister zu sein und in dessen Rolle schlüpfen, vergessen wir das Urteil, welches wir über uns selbst haben. Der Körper wird nun endlich frei, instinktiv zu handeln, ohne Behinderung durch den Geist, der urteilt und bestraft. Die besten Bewegungen sind die, welche der Körper frei von jeglicher Verkrampfung oder übermäßiger Entspanntheit ausführt.

Zum Abschluss eine Zusammenfassung über die Geistesverfassung des Reiters und seine Folgen

Bei Nichteinhaltung der hier beschriebenen Fortschrittsregeln, einer falschen Einschätzung der Kompetenzen von Pferd & Reiter oder wenn die zu absolvierende Übung für beide zu schwer ist, kommt es zu Angst und Unruhe.

Auf physischer Ebene kommt es dadurch zu Muskelverkrampfungen, die sich wie folgt äußern:

  • Blockieren der Atmung
  • Fokusblick (siehe nächster Teil 3) nach unten gerichtet
  • Beeinträchtigung des Sitzes
  • mangelnde Kontrolle
  • Unverständnis …

Auf psychischer Ebene kommt es zum Konzentrationsverlust, der sich folgendermaßen äußert:

  • Orientierung an negativen Bildern (Stürze, Verweigerungen, Fehler…)
  • Mangelnde Fähigkeit zum Programmieren von erfolgreichen Handlungen
  • Verliererhaltung

Dies führt zu unangemessenen Handlungen, Misserfolg (z.B. schlechte Übungsstunde) und Vertrauensverlust bei Reiter & Pferd.

Wenn wir jedoch die Fortschrittsregeln einhalten, unsere Kompetenzen (von Reiter & Pferd) richtig einschätzen und dazu in der Lage sind, die geplante Übung auszuführen, können wir die „Siegerhaltung“ (Erfolgsabsicht) einnehmen und das zu erreichende Ziel visualisieren.

Auf psychischer Ebene führt das zu Muskelentspannung und äußert sich folgendermaßen:

Auf psychischer Ebene zeigt sich das in unserer Konzentration, durch die folgendes möglich ist:

  • Orientierung an positiven Bildern
  • Gedankenkontrolle (Ausschalten von Ausreden und negativen Bildern)
  • Empfänglichkeit für Ereignisse, Nachrichten, Analysevermögen …
  • Strenge und Disziplin

Dies führt dazu, dass wir der Situation entsprechend angemessen handeln können, Erfolg haben (z.B. eine gute Übungsstunde) Reiter & Pferd Vertrauen haben.

Mit dieser mentalen Vorbereitung können wir die nächsten Schritte angehen. Im nächsten 3. Teil beschäftigen wir uns mit dem (Panorama-) Blick des Reiters und welche Auswirkungen er beim Reiten hat.

Wie hat euch diese Serie bisher gefallen? Schreibt uns doch ein Feedback. Wir würden uns sehr freuen. Eure Silvana

Silvana Wessig das Horseland-Team und war bis 2013 als Bereiterin in Australien tätig. Sie bietet (neben ihrer Beschäftigung bei Horseland) mobilen Reitunterricht und Beritt an. Sie berät Sie sehr gerne bei Problemen und Fragen rund um das komplexe Thema PFERD.
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