Das Pferd als Spiegelbild

Aufbauend auf unseren letzten sehr interessanten Blogartikel -Multitalent Pferd- und die darin enthaltende Anmerkung von Tanita: „Unser Pferd spiegelt uns wieder.“, möchte ich näher auf dieses so faszinierende und zugleich sensible Thema eingehen.

Unsere Pferde sind so feinfühlig, dass sie all unsere Emotionen … Gedanken, Gefühle, Muskelanspannung … wahrnehmen und entsprechend darauf reagieren. Ob uns diese Reaktion nun gefällt oder nicht, sie ist meist der Spiegel unserer Selbst. Sie schauen uns an und wissen genau, wer wir sind. Gruselig oder faszinierend?

An dem Sprichwort „Pferde sind die wahren Freunde“ ist mehr dran als einige vielleicht denken. Sie kennen uns besser als wir uns selbst. Sie verstellen sich nicht um uns zu gefallen, sie sind immer „ehrlich“ und zeigen uns direkt was sie gerade von uns halten. Sie zeigen uns unsere Fehler auf, ohne sie uns nachzutragen. Sie spüren wie es uns geht, vor allem was in unserem Inneren vor geht, was wir ausstrahlen und reagieren entsprechend darauf. Also können wir schon sagen, dass Pferde unseren jetzigen emotionalen Zustand „spiegeln“. Manchmal gefällt uns was wir sehen, manchmal gefällt es uns aber auch nicht. Gefällt uns nicht wie sich unser Pferd verhält, sollten wir selbst mal kritisch hinterfragen, wie wir gerade drauf sind, ob wir wirklich authentisch sind und zu 100% hinter dem stehen was wir (mit unserem Pferd) tun und nicht weil andere es von uns „verlangen“. Unsere Pferde helfen uns dabei, mehr auf unsere innere Stimme zu hören.

Jeder von uns hatte bestimmt schon diese Erlebnisse … wir sind mit unserem Pferd allein und konzentriert am Arbeiten. Alles klappt hervorragend und auf einmal kommt Jemand in die Reithalle/auf den Reitplatz mit dem wir nicht so ganz grün sind oder dem wir unserer Meinung nach etwas beweisen müssen. Wir ändern unsere Arbeitseinstellung, unsere innere Haltung oder wir waren eigentlich schon fertig und meinen jetzt doch noch einmal eine bestimmte Übung machen zu müssen … plötzlich läuft es gar nicht mehr rund. Unser Pferd verspannt sich, verweigert die Arbeit … es klappt einfach nicht mehr so gut wie vorher. Unser Pferd möchte uns jetzt bestimmt nicht ärgern, es zeigt uns nur, dass wir nicht mehr authentisch sind. Das würde nämlich bedeuten, dass wir zu unseren Überzeugungen stehen und diese auch umzusetzen, egal wer zusieht.

Solche Erlebnisse wie gerade oben beschrieben hatte ich zur Genüge. Ich arbeite tagtäglich mit vielen verschiedenen Pferden, und merke immer wieder das Spiegelbild! Ein anderes Beispiel war beim Verladen meines Pferdes Cash. Wenn ich keinen Zeitdruck habe, klappt es mittlerweile beim Verladen sehr gut. Ich kann ihn alleine auf den Hänger schicken. Habe ich aber die Zeit im Nacken weil wir beispielsweise aufs Turnier müssen und schon spät dran sind, klappt es meist nicht auf Anhieb. Innerlich bin ich bereits angespannt und mit meinen Gedanken schon auf dem Turnierplatz. Cash denkt dann nicht dran in den Hänger zu steigen, bis ich mich wieder runter fahre und voll konzentriert und gelassen bei der Sache bin. Wir könnten es uns so oft von Anfang an leichter machen, wenn wir alle störenden Gedanken und Emotionen „einfach“ weglassen würden. Aber ich weiß, das ist leichter gesagt als getan. Vor allem beim eigenen Pferd nehmen wir das ganze meist persönlich. Dabei reagiert unser Pferd nur auf unsere Energie, die wir durch unsere Gedanken ausstrahlen. Nicht umsonst sagt man; Gedanken werden zu Worten, Worte werden zu Taten…!

Pferde reagieren viel positiver auf uns, wenn wir in unserer Mitte und im Hier und Jetzt sind. Wenn wir auch nur einen kleinen Moment abgelenkt sind, sei es durch einen (beunruhigenden) Gedanken oder durch eine andere Person, kann sich unser Pferd bereits in seinem Verhalten ändern. Es ist unmöglich, unsere Gefühle und Launen vor unseren Pferden zu verbergen. Sie reagieren auf unsere Haltung, unsere Bewegung, unseren Muskeltonus, unsere Atmung und auch auf unsere Energie von der jedes Lebewesen umgeben ist. Jeder Gedanke, ist er noch so klein, gibt sich in einer Veränderung der muskulären Spannung und der Atmung zu erkennen. Oft ist diese Veränderung aber so klein, dass sie uns gar nicht auffällt, unseren Pferden jedoch schon. Sie sind so sensibel und feinfühlig, dass ein einziger Gedanke ausreicht, um sie so zu lenken, wie wir es wollen oder eben nicht wollen. Je nachdem wie unser Gedanke gelenkt ist, so wird das Ergebnis aussehen.

Wie können denn nun diese Reaktionen bei unseren Pferden aussehen? Dieses Spiegelungsverhalten kann sich unterschiedlich äußern:

  • indem es sich dem Menschen zuwendet oder abwendet … entweder mit der Aufmerksamkeit, dem Blickkontakt oder der gesamten Bewegung des Pferdes.
  • durch den Grad der Erregung … sinkender Kopf bei Entspannung, umso mehr Aufregung, umso höher der Kopf.
  • durch das Spiel der Ohren … ob aufmerksam nach vorne gespitzt, relaxed zur Seite fallend, unruhig hin und her bewegend oder drohend nach hinten gelegt
  • und durch die Bewegung des Schweifes … gelassen hängend, unruhig schlagend, aufgeregt hoch getragen oder engeklemmt.

Ich erinnere mich an meine Ponyzeit … In der Reitschule, wo ich anfing, hatten wir 3 unterschiedliche Ponys. Eine etwas biestige Stute, die unter dem Sattel sehr faul war. Eine weitere Stute, im Umgang sehr lieb. Sie war das beliebteste Pony im Umgang, unter dem Reiter war sie dagegen nicht so einfach und der dritte ein Wallach. Er war am besten zu reiten aber beim Vorbereiten der unbeliebteste. Wenn man unsicher war und Angst zeigte, war er unberechenbar. Er legte die Ohren an und drohte uns ja nicht näher zu kommen, manchmal biss und trat er auch nach uns. Ich weiß noch, wie ich vor seiner Box stand und mit mir haderte hinein zu gehen und ihn zu putzen. Er hatte mich schonmal gebissen und es schien ihm scheinbar zu gefallen, uns kleinen Knirpsen Angst einzujagen, vorallem wenn er merkte dass man Respekt vor ihm hatte. Dann ging er voll drauf ein und benahm sich wie ein sehr böses Pony. An diesem Tag nahm ich all meinen Mut zusammen und ging ganz selbstbewusst in die Box und fing einfach an ihn zu putzen, ohne auf seine kleinen Drohungen einzugehen. Ich beschloss, mir keine Angst mehr von ihm einjagen zu lassen. Von da an war er zu mir das liebste Pony 😆 

Unsere Pferde lehren uns zu vertrauen. Vielen von uns fällt es jedoch schwer, wirklich zu vertrauen und sich zu öffnen. Doch wir werden immer wieder in Situationen geraten, in denen uns mangelndes Vertrauen aufgezeigt wird und Vertrauen in uns selbst und andere eingefordert wird. So lange, bis wir das erkennen und gewillt sind, unser Verhalten zu ändern und die Kontrolle, die wir eigentlich immer behalten möchten, loszulassen. Wir Menschen sind einfach so … wir wollen oft über alles und jeden die Kontrolle haben. Das gibt uns Sicherheit. Aber absolute Kontrolle im Leben ist nicht wirklich möglich, schon gar nicht bei unseren Pferden. Gewisse Verhaltensmuster, die auf das Fluchttier zurück greifen, sind einfach nicht kontrollierbar. Hinter diesem Gefühl, alles im Griff haben zu müssen, verbergen sich oft mangelndes Vertrauen, Selbstzweifel und Ängste verletzt zu werden. Wenn wir aber anfangen zu vertrauen wird es sowohl mit unserem vierbeinigen Liebling als auch im gesamten Leben leichter funktionieren.

Ich hatte letztes Jahr eine schwierige Phase mit meinem 5-jährigen Cash. (Falls es euch interessiert; hier stellen wir unsere Pferde vor http://pferdewiese.com/wir-stellen-euch-die-unsere-pferde-vor/)
Im Gelände blieb er manchmal einfach stehen und wollte nicht mehr weiter. Ich fing direkt an Druck zu machen. Wollte die Oberhand haben, die Kontrolle über das was er tut und gab mich nicht zufrieden, bis er weiter ging. Er wollte aber nicht, je mehr Druck ich machte und böser wurde, umso bockiger wurde er und das puschte mich noch mehr hoch. Zum Teil wurde es dann sogar gefährlich. Ich war wütend, enttäuscht und hatte kein richtiges Vertrauen mehr in ihn. Die Situation eskalierte also. Mein Ego verbot mir einfach abzusteigen und ihn kurz zu führen. „Dann hat er ja gewonnen.“ So denkt man. Unsere Beziehung hatte auf jeden Fall einen kleinen Knacks bekommen. Ich musste dann manchmal einen anderen Weg einschlagen oder umdrehen.
Ich bin dann eine Zeit mit jemand anderen zusammen ausgeritten und da war das kein Problem. Da konnte er auf das andere Pferd vertrauen. Irgendwann war ich dann mal wieder alleine unterwegs. Es war ein herrlicher Tag, die Sonne schien und ich kam an einen Punkt, wo am Ende der Wiese Siloballen standen. Cash blieb wieder stehen. Aber diesmal lies ich mich nicht beunruhigen. Ich tat einfach nichts, ich genoss die Sonne und atmete ruhig weiter. Ich war ganz entspannt und auf einmal ging er von allein weiter, blieb zwar kurze Zeit später wieder stehen. Diesmal dauerte es nicht so lang bis er sich wieder von allein in Bewegung setzte. Ich fing dann an, leise mit ihm zu reden und meine Worte waren dabei sanft und positiv. Ich ließ ihm die Zeit zu gucken bis er die Situation analysiert hatte und dann gingen wir weiter. Ab da an gab es keine Probleme mehr. Ich vertraute ihm und er fing an in solchen Situationen auch mir zu vertrauen. Wenn ich ruhig blieb, blieb auch er ruhig.

Das schönste und wichtigste zwischen Mensch und Pferd ist doch eine Beziehung, die auf gegenseitigem Vertrauen basiert. Der eine soll auf den anderen aufpassen, ohne Gewalt und Zwang. Sobald wir uns selbst und unsere Energie verändern, wird sich auch die Energie unseres Pferdes verändern. Ebenso wie jedes Tier das „unerwünschte“ Verhalten verändern wird, wenn wir es tun. Wenn wir uns darauf einlassen, sind unsere Vierbeiner unsere besten Lehrmeister.

Es gibt eine Reihe toller Bücher über dieses Thema: Z.B. -Mental-Training für Reiter- von Antje Heimsoeth, oder –Reiten mit inneren Bildern: Lektionen verbessern mit mentaler Stärke- von Tuuli Tietze. Ein weiteres tolles Buch ist -Denn Pferde lügen nicht- von Mark Rashid … und noch viele andere.

Wie seht ihr das ? Seid ihr auch der Meinung das euer Pferd euer Spiegel ist?
Was habt ihr für Erlebnisse mit eurem Pferd gehabt die ihr gern mit uns teilen möchtet? Wir sind gespannt!

Silvana Wessig das Horseland-Team und war bis 2013 als Bereiterin in Australien tätig. Sie bietet (neben ihrer Beschäftigung bei Horseland) mobilen Reitunterricht und Beritt an. Sie berät Sie sehr gerne bei Problemen und Fragen rund um das komplexe Thema PFERD.
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