Anforderungen auf gebogener Linie – Teil 2

Die gebogene Linie ist eine der wichtigsten kräftigenden Elemente der Ausbildung des Reitpferdes. Aber nur, wenn auch verstanden wird wie die Biomechanik funktioniert! Hier im zweiten Teil wollen wir euch erklären, wie ihr die Muskulatur eures Pferd aufbauen könnt und es somit athletischer wird. Im ersten Teil ging es darum, was auf gebogener Linie überhaupt im Pferdekörper passiert und warum zum Beispiel ein untrainiertes Pferd auf dem Zirkel ect. von allein in Außenstellung geht. Dieses Wissen ist absolut wichtig, wenn ihr euer Pferd fair und gesundheitsfördernd trainieren möchtet.

Anzeige

Aus der Sicht des Pferdes

Zu Beginn, direkt mal ein interessant geschriebenes Beispiel von Stefan Stammer aus „Sicht des Pferdes“ zur Arbeit auf gebogener Linie:

„Ich werde von meinem Reiter auf einem Kreisbogen geführt und soll dort traben und galoppieren. Ich will alles gut und richtig machen und balanciere mich aus, indem ich meinen Hals nach außen nehme. Der Reiter versucht nun immer wieder, mich dazu zu bringen, den Kopf nach innen zu nehmen. Aber wie um Himmels willen soll das denn gehen? Immer, wenn ich den Kopf nach innen nehme, falle ich auf das innere Bein. Ich kann das einfach nicht halten. Das ist so anstrengend für meinen äußeren Schultergürtel. Dann mach ich einen Taktfehler und das ist auch nicht recht. Geradeaus ist das alles ja halbwegs machbar, aber vor jeder Ecke muss ich mich verkrampfen, um nicht völlig aus dem Konzept zu kommen. Endlich fängt der Reiter an, am inneren Zügel zu ziehen. Das fühlt sich zwar nicht gut an, aber wenigstens habe ich jetzt etwas, an dem ich mich festhalten kann. Mein Unterhals wird schön stark und ich spiele mit dem Reiter ein wenig Fingerhakeln. Nicht wirklich lustig, aber es funktioniert wenigstens für eine Weile. Nach einiger Zeit allerdings wird es ernst, je stärker ich werde, desto mehr zieht der Typ da innen rum. Langsam beginnt das wehzutun. Jetzt ist der Spaß vorbei, er hat mir irgendwelche Lederriemen eingeschnallt, gegen die ich auch bei aller Kraft keine Chance mehr habe. Mir tut jetzt so das Genick weh, dass ich aufgebe. Dann falle ich doch lieber von einem Vorderbein auf das andere, die sind beide noch jung genug“.

Wenn ein Pferd sich also auf einer Seite fest macht, ist das kein Fehler des Pferdes, sondern aus seiner Sicht, die kurzfristig richtige Lösung für einen Fehler im Ausbildungskonzept. Genau so sollte das Problem auch korrigiert werden.

Wie wir die Muskulatur der Vorhand aus funktionaler Sicht aufbauen:

  1. Entlastung des Schultergürtels auf der gebogenen Linie, indem der Hals (Halsansatz vom Widerrist) durch die diagonale Hilfengebung (innerer Schenkel – äußerer Zügel) zur äußeren Schulter hin geführt wird. Das Pferd soll also erstmal gerade gehalten werden so dass es sich ausbalancieren kann. Wir fordern noch keine richtige Innenstellung!
  2. Aktivierung der rumpftragenden Muskulatur durch die treibenden Hilfen. Das Ziel ist dabei, dass das Pferd auf der gebogenen Linie seinen Takt hält, fleißig vorwärts geht ohne zu eilen und beginnt elastischer zu gehen. 
  3. Aktivierung der Halsbasis durch die Verlängerung des Halses. Schenkel- und Zügelhilfen (halbe Paraden) haben die Aufgabe, die Muskelketten immer wieder anzuregen und neu zu justieren, damit das Pferd lernt, sich selbst durch Muskelkraft auszubalancieren. Bsp.: Den Rahmen des Pferdes immer wieder verändern … Zügel aus der Hand kauen und wieder aufnehmen. Pferd muss dabei im Takt bleiben.
  4. Behutsames Kontrollieren des Rumpfschwerpunktes zum äußeren Schultergürtel hin im Sinne der Geraderichtung. Je mehr Fliehkraft der äußere Schultergürtel abfangen kann, desto mehr kann der Hals (Halsansatz vom Genick) nach innen auf die Kreisbahn geführt werden. Dabei geht die Bewegung des Halses immer von der Gewichtsverlagerung des Rumpfes aus. Der innere Schenkel wirkt leicht dominant zum äußeren Zügel hin. Die Oberhalsmuskulatur wird jetzt zusätzlich zum tragenden Element. Bsp.: Das Pferd in leichter Innenstellung auf der Zirkellinie vom 2., 3. Hufschlag mit dem äußeren (seitwärtsweisenden) Zügel über die äußere Schulter leicht wegkreuzen lassen. Entweder mit Innenstellung (durch den inneren Schenkel – nicht durch den inneren Zügel!) wieder nach innen reiten oder mit Konterstellung und dabei nach innen kreuzen lassen. Wir reden hier beim „Kreuzen“ immer über die Schulter – kein Schenkelweichen.
  5. Bleiben alle Muskelgruppen in der richtigen Koordination aktiv, so kann die Kopf-Hals-Achse immer mehr nach oben geführt werden, ohne das der Brustkorb dabei nach hinten unten absinkt. Das innere Hinterbein hat die Möglichkeit, diese Bewegung aktiv zu unterstützen. Die Hinterhand übernimmt quasi die Aufgabe des langen Halses, indem sie durch vermehrtes „Untertreten“ des Beckens hilft, den Brustkorb in Position zu halten. Jede Störung innerhalb des Systems führt vorallem auf der gebogenen Linie zu Taktfehlern. Bsp.: Tempiunterschiede reiten … durchparieren wollen und dabei das Hinterbein aber weiter nach vorn treiben so dass das Pferd fast aber nicht wirklich durchpariert. Dann aus dem Sitz heraus wieder leicht nach vorn reiten, ohne das dass Pferd ins Laufen kommt. Wichtig: mit Hand nach vorn abfangen. Wir können das auch im Trab und Galopp reiten und bei der Rückführung in eine leichte Konterstellung gehen (aber nur Stellung im Genick, nicht im Hals), so fällt den Pferden die Rückführung leichter und sie kommen mehr „bergauf“.

Korrektes Training braucht Zeit

In dem Maße, in dem sich der Schultergürtel kräftigt, wird das Pferd immer besser in der Lage sein, den Hals korrekt eingestellt in Verlängerung des Rückens auf der gebogenen Linie zu tragen ohne dabei auf die innere Schulter zu fallen.
Sobald die Vorhand kontrolliert und stabilisiert werden kann, ist die Hinterhand in der Lage, durch das vermehrte Untertreten des inneren Hinterbeins die Drehbewegung diagonal zu unterstützen.

Die gebogene Linie fordert die athletischen Fähigkeiten der Vorhand in besonderem Maße. Auf dem Weg vom nach außen hin getragenen Hals bis zur korrekten Längsbiegung des ganzen Körpers verdreifachen sich die Anforderungen an die Kraftfähigkeit des äußeren Schulter- und Beckengürtels. Takt und Losgelassenheit als Grundelement der Ausbildungsskala und die Entwicklung der athletischen Fähigkeiten des Pferdes gehören untrennbar zusammen. Die biomechanischen Prinzipien der gebogenen Linie zeigen dies überdeutlich.

Ergänzend zum Thema Losgelassenheit haben wir einen weiteren Blogartikel: „Losgelassenheit ist nicht gleich Entspannung„, der sich ebenfalls auf den Prinzipien der Biomechanik aufbaut.

Das Zusammenspiel von Vorhand und Hinterhand auf der gebogenen Linie

Gebogene Linien und Seitengänge sind deshalb so wertvoll, weil sie die effektivste Möglichkeit darstellen, die seitlichen Muskelgruppen zu trainieren und dabei Vor- und Hinterhand zu synchronisieren. Das innere Hinterbein muss bei nach vorne geschlossener Muskelkette (die Diagonale) automatisch Energie vom äußeren Schultergürtel übernehmen.

Synchronisation als Schlüssel zum Erfolg

Erreicht werden kann das nur über die Kontrolle des Brustkorbs und über die Einstellung der Vorhand auf die Hinterhand. Als Reaktion werden die aktiv untertretenden Hinterbeine, (wenn wir das Pferd von hinten betrachten) vermehrt nach innen zum Hüftgelenk hin treten. Die Spur der Hinterhand wird dadurch auch in der Bewegung auf gerader Linie enger.

Aufbau der Muskelgruppen von Vorhand und Hinterhand aus funktionaler Sicht:

Die gebogene Linie ist, wie wir bereits wissen, das Grundelement zur seitlichen Stabilisation. Hier werden die Muskelgruppen der An- und Abspreizer der Vorhand und der Hinterhand durch die Fliehkraft angesprochen und durch die korrekte Hilfengebung gesteuert. Das wichtigste Element ihrer Kontrolle ist der ausbalancierte Sitz des Reiters. Nur aus der sicheren Oberkörperbalance des Reiters heraus kann die weitere Hilfengebung mit Schenkeln und Zügeln entwickelt werden!

Für die Kontrolle der Vorhand ist eher der Impuls vom inneren Schenkel zum äußeren Zügel zuständig (=diagonale Hilfengebung). Die Kontrolle der Hinterhand erfolgt vorrangig über den äußeren Schenkel.
Funktional gesehen werden diese Hilfen immer nur zusammen und korrekt synchronisiert ihre Wirkung entfalten können und niemals einzeln! Aus diesem Rahmen heraus entwickeln sich die Seitengänge, die diese nun voraktivierten Muskelgruppen durch die seitliche Schwerpunktverschiebung vermehrt in der Bewegung des An- und Abspreizens ansprechen und trainieren.

  • Je besser Koordination und Kraft geschult sind, desto korrekter kann der gesamte Pferdekörper sich in seiner Längsachse auf die gebogene Linie einstellen.
  • Je besser und korrekter die gebogene Linie geritten wird, desto intensiver wirkt die Trainingsbelastung auf die Muskelschlingen und desto mehr trägt sie zur weiteren Entwicklung der Athletik des Pferdes bei.
  • Je besser Koordination und Kraft geschult sind, desto kontrollierter, korrekter und enger kann die gebogene Linie geritten werden.
  • Wird ein Pferd ohne diese athletischen Fähigkeiten auf der gebogenen Linie geritten, so entwicklen sich unausweichlich Belastungsschäden!

Für das Zusammenspiel von Vorhand und Hinterhand gilt:

Die Arbeit der Muskulatur kann man nicht erzwingen, sie muss sich langsam, aber stetig entwicklen. Das stellt an den Reiter die Herausforderung einer ständigen Kontrolle der Bewegungszentren (Vor- und Hinterhand) im Sinne der Balance des Pferdes, um Ausweichbewegungen abzufangen. Die richtige Dosis dieser Kontrolle bestimmt dabei den Trainingsfortschritt. Der Hals dient immer nur als Balancestange zur Be- und Entlastung der Muskelketten. Er ist niemals der Auslöser der Bewegung auf der gebogenen Linie.

Probleme auf der gebogenen Linie haben ihren Ursprung in den allermeisten Fällen in der mangelhaften Stabilität im Sinne der Entwicklung von Koordination und Kraft des Pferdes und sind nicht primär ein Problem von Beweglichkeit. Demnach muss die Korrektur beim Aufwölben und Stabilisieren des Schultergürtels mit der Unterstützung der Hinterhand ansetzen und nicht beim „Verbiegen“ des Halses. Reaktionen des Pferdes wie „Festmachen im Hals oder in der Rippe“, „Ausweichen über die Schulter“ 0der „Verdrehen (Verwerfen) im Genick“ sind als normale Reaktionen des Pferdes auf eine mangelhafte Athletik und nicht als Fehler des Pferdes zu werten.

Die Schlüsselbewegung der gebogenen Linie ist die aktive Stabilisation der gegenläufigen Drehung von Brustkorb und Becken gegen die Schwerkraft. Der Zug zum äußeren Zügel hin sowie das aktive Untertreten des inneren Hinterbeines unterstützen diese Aufgabe.
Die Grundeigenschaft des Pferdes, sich korrekt auf die gebogene Linie einstellen zu können, sich also im Sinne der Reitlehre zu biegen, ist Stabilität und nicht Beweglichkeit.

In diesem Sinne, hier noch einmal ein Link zu einem weiteren Blogartikel:

Sinnvoll gestaltetes Training für ein gesundes & leistungsfähiges Pferd

mit dessen Übungen ihr  zusätzlich Stabilität, Koordination und Kraft eures Pferdes verbessern könnt.

Wir würden nun gern mal eure Meinung zu diesen Artikeln wissen. Wusstet ihr bereits, wie hoch die Anforderungen auf gebogenen Linien tatsächlich sind und was dabei im Pferdekörper vor sich geht? Gern könnt ihr hier auch von verschiedenen Erfahrungen berichten die ihr mit eurem Pferd gemacht habt. Oder vielleicht hattet ihr ja auch ein „Aha – Erlebnis“!?
Wir freuen uns über Feedback von euch!

Quelle: Das Pferd in positiver Spannung von Stefan Stammer

 

 

 

 

 

 

 

Silvana Wessig das Horseland-Team und war bis 2013 als Bereiterin in Australien tätig. Sie bietet (neben ihrer Beschäftigung bei Horseland) mobilen Reitunterricht und Beritt an. Sie berät Sie sehr gerne bei Problemen und Fragen rund um das komplexe Thema PFERD.
Posts published: 62

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Copyrights © 2017 PFERDEWIESE. All Rights Reserved. Design: kathrinpyplatz.com