Anforderungen auf gebogenen Linien

Die gebogene Linie gehört in der Ausbildung eines Pferdes in der Regel von Anfang an dazu, egal ob unter dem Reiter, an der Longe oder an der Hand. Vor allem das junge, noch unausbalancierte Pferd wird meistens direkt ausgebunden auf einem kleinen Zirkel longiert. Die Folge ist ein verspanntes Pferd welches sich irgendwie versucht auszubalancieren und verzweifelt gegen die Fliehkraft ankämpft. Die Frage ist also … Was passiert aus biomechanischer Sicht im Pferdekörper wenn das Pferd auf gebogenen Linien gearbeitet wird? … Dieser Frage gehen wir auf den Grund.

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Gebogene Linie

Anforderung auf der gebogenen Linie

Bevor wir uns mit der gebogenen Linie beschäftigen, schauen wir uns erstmal das Pferd in der Bewegung auf gerader Linie gehend von vorn und hinten betrachtet an. So können wir dann besser verstehen, was auf der gebogenen Linie im Pferdekörper passiert.

Abläufe zur Stabilisation der Vorhand gegen die Schwerkraft

Von vorn gesehen: Wenn das Pferd z.B. mit dem linken Vorderbein abfußt, will der Brustkorb mit der Schwerkraft nach unten links absinken und kann nur durch die einseitige muskuläre Aktivität der Standbeinseite (rechte Seite) in seiner Position gehalten werden.
Ist das Pferd muskulär noch nicht genügend stabilisiert, hat es zwei Möglichkeiten diese Bewegung auszugleichen:

Hals als Balancierstange

Wir bleiben mal dabei, dass das Pferd mit dem linken Vorderbein abfußt und die Muskulatur im rechten Schultergürtel noch nicht genügend ausgebildet ist. Führt das Pferd seinen Hals über das Standbein hinweg nach rechts, entlastet es somit den rechten Schultergürtel. Die Belastung des Schultergürtels entspricht jetzt nur noch in etwa dem Gewicht der Vorhand.

Ausweichen über die äußere Schulter

Die zweite Möglichkeit zum Ausgleichen ist das Ausweichen der rechten Schulter nach rechts. Das Pferd tritt dabei mit seinem rechten Vorderbein zur Mitte unter den Körper und lässt den Brustkorb zur Hangbeinseite nach links hin absinken. Dadurch wird die Belastung des rechten Schultergürtels ebenfalls auf das Gewicht der Vorhand reduziert.

Stabilisation durch aktive Muskulatur

Wenn sich das Pferd der Reitlehre entsprechend tragen soll, bedeutet das einen hohen Kraftaufwand. Soll der Hals von vorn gesehen stabil in der Mitte getragen werden, wandert der Schwerpunkt vom Standbein (in unserem Fall vom rechten) weg und verlängert somit den Hebel der Last. Das Gewicht auf das Standbein beträgt jetzt etwa das zweieinhalbfache des vorderen Rumpfgewichts. Das können beim Großpferd umgerechnet mal schnell 700kg sein. Soll das System der Vorhand dabei in der Bewegung ausbalanciert bleiben, muss die Muskulatur genau diese Kraftfähigkeit aufbringen, um die Balance und somit den Takt halten zu können. Der Hals in der Mitte vor dem Körper ist somit keine Selbstverständlichkeit, sondern ein Ausbildungsziel!

Hohle Seite und Zwangsseite

Zu Beginn der Ausbildung ist die Schultergürtelmuskulatur noch nicht auf beiden Seiten gleichmäßig ausgebildet. Um die schwächere Schulter zu entlasten, wird das Pferd von sich aus mehr den Hals zu dieser Seite hin nehmen und ihn somit als Balancierstange benutzen. Dadurch wird die hohle Seite definiert. Das Wegführen des Halses von der schwachen Seite des Schultergürtels ist somit abhängig von der Kraftentwicklung, denn das Pferd muss im Schultergürtel sozusagen ein muskuläres Gegengewicht gegen das des Halses aufbauen. Demnach ist das Geraderichten nur langfristig durch die gymnastizierende Kräftigung des Pferdes zu erreichen.

Abläufe zur Stabilisation der Hinterhand gegen die Schwerkraft

Die Hinterhand hat ein anderes Konzept zur Stabilisation. Im Gegensatz zur Vorhand fehlt ihr der Hals als Balancierstange. Dafür hat sie mit dem Hüftgelenk eine fixe Drehachse, um die die Stabilisation bzw. die Ausweichbewegungen organisiert werden.
Die großen seitlichen und hinteren Muskelgruppen der Kruppe haben zusammen mit ihren schrägen Gegenspielern der Bauchmuskulatur eine besonders wichtige Rolle in Bezug auf die Stabilisation.
Bei fehlender Muskulatur hat die Hinterhand auch wieder zwei Möglichkeiten Defizite auszugleichen:

Ausweichen des Hinterbeins nach außen

Auch die Hinterhand hat in der Regel zu Beginn der Ausbildung eine schwächere Seite. Das Hinterbein der schwächeren Seite wird versuchen nach außen wegzutreten, um die Unterstützungsfläche unter dem Körperschwerpunkt künstlich zu vergrößern. Ist also die linke Seite die schwächere, tritt das linke Hinterbein nach außen weg. Somit werden die Hebelverhältnisse für die seitlichen Kruppenmuskeln günstiger. D.h. das Gewicht welches auf das Hüftgelenk wirkt, wird durch die Ausweichbewegung reduziert.

Ausweichen des Hinterbeins nach innen

Das Ausweichen des Hinterbeins nach innen kann man mit dem Ausweichen über die äußere Schulter vergleichen. Von hinten betrachtet ist das Absinken des Beckens zur Hangbeinseite (abfußendes Hinterbein) hin durch die kombinierte Dreh- und Kippbewegung deutlich sichtbarer als im Brustkorb, wo ein Teil dieser Ausweichbewegung durch die Gleitbewegung im Schultergürtel zumindest optisch geschluckt wird.

Stabilisation durch Muskelaufbau

Um die genannten Ausweichbewegungen zu verhindern, braucht die Hinterhand eine kräftige und gut koordinierte Muskulatur. Diese muss nämlich vom Gewicht her noch mehr tragen als die Vorhand. Das Gewicht der Eingeweide – 250 kg – welches diagonal auf das Hüftgelenk wirkt, wird sich durch die Hebelwirkung je nach Exterieur des Pferdes noch verdreifachen bis vervierfachen. D.h. in dem Moment wenn das z.B. rechte Hinterbein abfußt, können wir in etwa von eine Tonne ausgehen die dann auf das linke Hüftgelenk wirkt.

Anforderungen auf gebogener Linie

Auf gerader Linie ist die Belastung im Schritt und Trab auf beiden Diagonalen (linkes Vorderbein – rechtes Hinterbein; rechtes Vorderbein – linkes Hinterbein) nahezu gleich. Auf gebogener Linie kommt zusätzlich zur Schwerkraft noch die Fliehkraft dazu, die nach außen wirkt und somit die Belastung auf die äußere Körperseite des Pferdes verstärkt. Um sich auszubalancieren, wird das unausgebildete Pferd den Hals auf der gebogenen Linie nach außen führen und den Körperschwerpunkt nach innen verlagern.
Um sich der Reitlehre entsprechend korrekt auf die gebogene Linie einzustellen, muss das (junge) Pferd lernen, mit dieser neuen und unbekannten Anforderung umzugehen. Das heißt, es muss lernen, die Kräfte neu zu organisieren und aktive Muskulatur aufzubauen. Nur durch systematisches Training ist es ihm mit Hilfe seines Reiters möglich, sich auf den gebogenen Linien aktiv auszubalancieren und die Achsen der Beine gerade zu halten.
Deshalb werden auch Schwächen, die in der Geradeausbewegung noch durch leichte Verdrehungen und Ausweichbewegungen überspielt werden können, auf der gebogenen Linie verstärkt und sichtbar.

Was passiert in korrekter Stellung und Biegung im Pferdekörper?

Vorhand

Entsprechend der Reitlehre soll der Hals des Pferdes korrekterweise die Biegung des Rumpfes nach vorn weiterführen, wodurch aber seine Masse noch weiter von der Achse des äußeren Stützbeins weggeführt wird. Die Kraft die auf den äußeren Schultergürtel wirkt, wird im Vergleich zur Geradeausbewegung noch einmal deutlich erhöht und liegt umgerechnet bei etwa 900 kg. Wenn wir jetzt noch die Wirkung der Fliehkraft hinzu rechnen, kommen wir schnell auf Kraftwerte die sich im Bereich einer Tonne bewegen und ungefähr den Kräften entsprechen die auf die Hinterhand wirken.

Die perfekte Anpassung des Pferdes an die gebogene Linie, d.h. die Halsposition vor der inneren Schulter in der Längsbiegung, wird in der klassischen Reitlehre also zu Recht als bedeutendes Element der Gymnastizierung des Pferdes gesehen. Je größer das Niveau von Stellung und Biegung, desto mehr Muskelkraft ist nötig, um das Pferd in Balance zu halten.

Folgende Muskelketten sind zur Stabilisation der Vorhand auf gebogenen Linien von Bedeutung:

Zum Anheben des Brustkorbes:  der große Sägemuskel, der gerade sowie der auf- und absteigende Brustmuskel, der lange untere Halsmuskel.
Für die Drehung des Brustkorbes: der Kappenmuskel, die Oberhalsmuskulatur, die gerade Bauchmuskulatur.

Wenn diese Muskelketten funktionieren, entwickelt sich im Schultergürtel eine muskuläre Stabilisation gegen die Fliehkraft. Das ist die Grundlage für die Fähigkeit des Pferdes, sich auf die gebogene Linie einzustellen. Nur so bleibt das Pferd von vorn gesehen nahezu senkrecht und die Beine bleiben achsengerecht unter dem Schultergelenk organisiert. Belastende Drehbewegungen der Zehengelenke können somit gebremst oder gar vermieden werden – also alles in allem die beste Gesundheitsversicherung für das Pferd.

Hinterhand

Während das innere Hinterbein durch seine Aktivität im Trab diagonal den äußeren Schultergürtel unterstützt, übernimmt das äußere Hinterbein auf der gebogenen Linie die eigentliche Arbeit der seitlichen Stabilisation. Wie bereits angesprochen, fehlt das ausgleichende Element des Halses, mit dem das Pferd den Grad der Belastung selbst variieren kann. Daher sind die Anforderungen für die Hinterhand  auf gebogener Linie im Gegensatz zur Geradeausbewegung deutlich verstärkt.

Wir stellen uns nun vor, dass wir auf der rechten Hand auf dem Zirkel reiten, das Pferd dabei aber von hinten betrachten können. Was passiert im Pferdekörper?

Die Kontrolle der Beckenstabilität beginnt mit der Stabilität durch das linke Hüftgelenk. Die diagonal stabilisierend wirkenden Muskeln verhindern das Absinken der rechten Beckenseite wenn das rechte Hinterbein abfußt. Nur wenn das Becken beim Abfußen des rechten Hinterbeines nicht absinkt, kann das Pferd rechts deutlich unter den Schwerpunkt fußen. Im nächsten Moment wird das rechte Hinterbein zum Stützbein (wenn das linke Hinterbein abfußt) und verhindert das Abkippen des Beckens auf der linken Seite. Auch hier gilt: nur der stabile Beckenring auf der nun linken Hangbeinseite (abfußendes linkes Hinterbein) kann das äußere Stützbein (im nächsten Moment auffußendes linkes Hinterbein) in die Position bringen, die gesamte Hinterhand gegen die Fliehkraft zu stabilisieren.

Der äußere verwahrende Schenkel hat die Aufgabe, die Drehbewegung der äußeren Beckenseite nach unten zu kontrollieren und somit das Ausbrechen der Hinterhand zu verhindern. Wer aber durch falsche Vorstellung glaubt, er könne mit dem äußeren Schenkel die Hinterhand nach innen drücken, ist stark auf dem Holzweg.
Jetzt können wir vielleicht auch besser verstehen warum das Timing der Hilfengebung in Bezug auf die Stütz- und Hangbeinphase der Hinterhand viel entscheidender ist als ihre Intensität. Durch diese vor allem von der Koordination dominierten Bewegungsabläufe entwickelt auch die Hinterhand eine zusätzliche Federung im Lenden-Becken-Übergang, die die natürlich gegebene Federung der Hanken unterstützt und kontrolliert.

Folgende Muskelketten sind zur Stabilisation der Hinterhand auf gebogenen Linien von Bedeutung:
Die Kruppenmuskulatur und der lange Hüftstrecker des Standbeins, der Abspreizer und der Anzieher des Standbeins sowie die schräge Bauchmuskulatur.

Zusammenfassend können wir sagen, dass man die Hinterhand nicht einfach selbst irgendwie verschieben oder festhalten kann. Die Hinterbeine stellen dynamische Achsen dar, die sich unter dem wandernden Schwerpunkt optimal positionieren müssen. Die Hinterbeine agieren nicht, sie reagieren. Ein Reiter muss lernen, seine Einwirkung an der Balance des Pferdekörpers auszurichten und nicht einzelne Gliedmaßen bewegen zu wollen.

Dies war der erste Teil dieses komplexen Themas „gebogene Linien“.
Nächste Woche geht es weiter mit dem zweiten Teil, indem wir erläutern wie sich die Muskulatur aus funktionaler Sicht Schritt für Schritt aufbaut. Es lohnt sich also wieder reinzuschauen! 😉

Quelle: „Das Pferd in positiver Spannung“ von Stefan Stammer

Hier geht es zum zweiten Teil Anforderung auf der gebogenen Linie:  http://pferdewiese.com/anforderungen-auf-gebogener-linie-teil-2/

 

Silvana Wessig das Horseland-Team und war bis 2013 als Bereiterin in Australien tätig. Sie bietet (neben ihrer Beschäftigung bei Horseland) mobilen Reitunterricht und Beritt an. Sie berät Sie sehr gerne bei Problemen und Fragen rund um das komplexe Thema PFERD.
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3 comments

  1. Hey,

    danke für die Tips! Mein Sohn ist echt ein totaler Pferdenarr und ich wäre manchmal echt froh wenn ich mehr verstehen würde….Gestern habe ich ihm einen neuen Stall für sein Pferd gebaut…Gott sei Dank kenne ich mich mit Hammer und Nägel mehr aus 😉

  2. Lea sagt:

    Sehr informativer Beitrag. Ich freue mich schon auf den zweiten Teil !
    LG

    1. Marika Moga sagt:

      Lieben Dank für Dein feedback! Nächste Woche Donnerstag kommt der zweite Teil. LG Marika

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